Insekten als Nahrungsmittel
- 24. Jan. 2023
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juli 2023
Für rund 2 Milliarden Menschen, vorwiegend in Asien, Südamerika und Afrika, stellen Insekten eine verlässliche Nahrungsquelle dar. Schon zu Urzeiten haben Menschen, genau wie Affen, die kleinen Krabbeltiere verzehrt.
Gekochte Larven, frittierte Zikaden und geröstete Heuschrecken sind bei weitem kein Zeugnis von Armut. In Kolumbien werden "dickarschige Ameisen" eine aphrodisierende Wirkung zugesprochen und in Mexiko gelten Escamoles – gekochte Ameisenlarven mit Öl und Knoblauch auf Tortillas serviert - als Delikatesse. Was in anderen Ländern üblich ist, löst hierzulande eher großen Ekel und Protest aus.
In Deutschland wird nicht nur in Veganerkreisen diskutiert, ob der Verzehr von Insekten neue Horizonte der Kulinarik öffnet oder entsetzlich eklig ist. Derzeit gibt es eine Übergangsregelung für das "Novel Food" (neuartige Nahrungsmittel). Wenn es nach der EU-Kommission unter der Präsidentschaft von Ursula von der Leyen geht, dann finden wir in Zukunft verschiedene Insekten bzw. Produkte aus ihnen in Backwaren, Getreideriegeln, Teigwaren, Keksen, Getränken, Soßen und vielem mehr in den Regalen europäischer Geschäfte. Auch in den bei Vegetariern und Veganern beliebten Fleischersatzprodukten dürfen die Krabbeltierchen verarbeitet werden - damit sind diese dann natürlich nicht mehr vegan. Bisher hat die Europäische Kommission vier Zulassungen erstellt, um Insekten in Nahrungsmitteln zu verarbeiten:
"Mehlwürmer"
Wanderheuschrecken
Hausgrillen
"Buffalowürmer"
Von der Ausbeutung von Honigbienen und dem qualvollen Tod der Seidenraupen hast du vermutlich schon mal gehört. Doch wusstest du, dass in unzähligen Lebensmitteln Läuse stecken? Ganz konkret wird aus Cochenille-Schildläusen schon seit Zeiten der Inkas ein natürlicher Lebensmittelfarbstoff hergestellt. Dieser ist heutzutage unter der Kennzeichnung E120 in Fleisch- und Wurstwaren, Surimi, Marinaden, Soßen, Konserven, Käse und anderen Milchprodukten, Gebäck, Glasuren, Tortenfüllungen, Marmeladen, Desserts, Süßigkeiten, Fruchtsäfte und alkoholischen Getränken wie zum Beispiel Campari und Wein zu finden. Auch in der Kosmetik wird E120 zum Beispiel zum Färben von Lippenstiften verwendet.
Wenn schon seit über 700 Jahren bis heute Schildläuse in Lebensmitteln verarbeitet werden und in anderen Ländern allerlei Insekten als Delikatesse gelten, warum wird dann wegen der neuen Zulassungen in der EU so ein Aufschrei gemacht, obwohl Insekten als proteinreiches neues Superfood angepriesen werden? Wir sollten uns diese Fragen stellen:
Woher kommt unsere Ablehnung? Ist sie berechtigt?
Bilden Insekten tatsächliche eine Alternative zu Fleisch?
Wie gesund sind Insekten wirklich?
Ist die Zucht, Haltung und der Verzehr von Insekten nachhaltig?
Entsteht dabei (Tier-)Leid?

Warum wir Insekten essen könnten
Gelobter Nährwert
Insekten gelten als hochwertige Proteinquelle. Laut aktueller Angaben sind die Krabbeltierchen reich an wertvollen Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B12. Der durchschnittliche Proteingehalt von Speiseinsekten liegt zwischen 13 und 61 % bezogen auf die Trockenmasse. Manche Arten sollen sogar mit bis zu 77 % Protein punkten. Ihr Energiewert, bezogen auf die Frischmasse, ist mit der von Fleisch vergleichbar. Daher könnten Insekten als Fleischersatz dienen. Mit ihren hohen Gehalten ungesättigter Fettsäuren könnten Insekten sogar Fisch ersetzen. Laut dem Bundeszentrum für Ernährung enthalten Insekten viele wichtige Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Phosphor, Selen und Zink, Folsäure sowie die Vitamine Riboflavin, Pantothensäure und Biotin. Chitin, als Hauptbestandteil der nicht verdaulichen Außenhülle von Insekten, wird hier als Ballaststoff genannt.
Einfachere Haltung
Da Insekten keine komplexen Sozialgefüge wie Säugetiere und Vögel eingehen, ist die Haltung von Insekten sehr viel einfacher. Insgesamt stellen sie deutlich weniger Ansprüche an ihre Umgebung.
Ressourcen schonend
Insekten brauchen im Vergleich zu Rindern, Schweinen und anderen sogenannten Nutztieren deutlich weniger Futter, weniger Platz und weniger Wasser. Auf der Suche nach alternativen Proteinquellen ist dies definitiv ein Pluspunkt.
Klimafreundlicher
Insekten verursachen nur sehr wenig Emissionen. Mit gerade mal 0,15 kg pro Kilogramm Körpermasse sind Insekten sehr viel klimafreundlicher als zum Beispiel Rinder, die ca. 15 kg Treibhaus-Gase pro Kilogramm Körpergewicht produzieren.
Größere Ausbeute
Bei Insekten liegt der essbare Anteil des Tierkörpers bei 80 %. Beim Rind sind es nur 40 %.
Kampf gegen den Hunger
Jedes Jahr sterben laut Jean Ziegler etwa 30–40 Millionen Menschen an Hunger bzw. den unmittelbaren Folgen. 10 % der Weltbevölkerung galt im Jahr 2021 als unterernährt. Insekten als Nahrungsquelle sollen die Ernährung der Weltbevölkerung sichern.
Warum wir keine Insekten essen sollten
Nährwert-Märchen
Die Angaben zum Nährwert von Speiseinsekten stammen von Verkäufern von Insektenprodukten. Daher darf und muss hinterfragt werden, ob diese Werte tatsächlich zutreffen. Unabhängige Laborwerte gibt es bisher kaum. Ökotest schreibt, dass die meisten Produkte mit Insektenanteil deutlich weniger Protein enthalten als angegeben. Wie bei allen Naturprodukten unterliegen Nährwerte Schwankungen. Einfluss darauf haben die Spezies selbst, das Alter der Insekten und auch deren Fütterung. Das heißt, es können durchaus Insekten in die Verarbeitung gelangen, die weit unter den gewünschten Protein- und Mineralgehalten liegen.
Chitin wird zwar als einfacher Ballaststoff angegeben und Ballaststoffe gelten allgemein als gesund und verdauungsfördernd. Nun wissen wir jedoch schon lange, dass Chitin schwer verdaulich ist. Daher vertragen manche Menschen Speisepilze nicht so gut. Mit Insekten dürfte es sich ähnlich verhalten. Aus der Terraristik wissen wir, dass insektenfressende Reptilien, den Chitinpanzer wieder nahezu komplett ausscheiden.
Chitin ist eines der beiden am häufigsten vorkommenden Polysaccharide und dient der Strukturbildung von Pilzen, Krebsen, Insekten, Tausendfüßlern sowie Spinnentieren. Insekten sind wirbellose Tiere. Das bedeutet, sie haben kein inneres Skelett, sondern eine feste Außenhaut (Exoskelett). Diese besteht unter anderem aus Chitin.
Keine Qualitätsstandards
Für Speiseinsekten gibt es bisher keine spezifischen Regelungen für die Anforderungen an ihre Futtermittel. Das heißt, die Qualität des Endprodukts - welche maßgeblich durch die Fütterung beeinflusst wird - ist nicht gesichert.
Anreicherung von Schwermetallen
Als Argument gegen den Verzehr von Insekten wird gern eine potenzielle Anreicherung des giftigen und krebsfördernden Schwermetalls Cadmium im Fettgewebe der Insekten genannt. Dieses Argument greift jedoch nur, wenn die kleinen Krabbler mit entsprechend belastetem Futter ernährt werden. Übrigens auch Algen, Meeresfrüchte, Innereien, Bitterschokolade, Ölsaaten wie Mohn, Leinsamen, Sesam und Sonnenblumenkerne sowie Kaffee und Wildpilze gelten als cadmiumreich.
Doch nicht ressourcenschonend?
Zwar verbrauchen Insekten deutlich weniger Wasser und Futter als die bisher üblichen "Nutztiere", dennoch wird auch hier wieder ein unnötiger Umweg genommen. Ob Rind oder Heuschrecke - statt diese Tiere mit den existierenden Nahrungsmittelressourcen zu füttern, kann dieselbe Nahrung auch direkt von Menschen verzehrt werden. Gerade der Proteinbedarf kann durch pflanzliche Alternativen gedeckt werden. Ressourcen sind ausreichend vorhanden, sie werden jedoch ungünstig verteilt.
Darüber hinaus müssen auch die Zuchtfarmen für Insekten beheizt werden und auch die Gefriertrocknung der Tiere verbraucht viel Energie. Entlaufene Larven, z.B. der "Buffalowurm" fressen sich in Isolierungen und hinterlassen dort Schäden - diese Problematik ist aus der Geflügelhaltung bekannt. Dadurch entstehen höhere Heizkosten.
Ausbeutung von Lebewesen
Insekten, die für den menschlichen Verzehr gezüchtet werden, müssen ihr Dasein in Massentierhaltung fristen. Das heißt, das Problem der Ausbeutung von Lebewesen wird nicht abgeschafft, sondern nur auf andere Spezies verlagert. Weiterhin wird von vielen Seiten behauptet, Insekten haben keine Gefühle und Schmerzempfinden. Dieser offensichtlichen Ignoranz kann ich nicht zustimmen. Letzten Sommer habe ich frischen Rucola aus meinem Garten auf eine Pizza, die gerade frische aus dem Ofen kam, gestreut. Leider habe ich beim Abwaschen des Rucola eine winzige weiße Raupe übersehen. Als sie in Berührung mit der heißen Pizza kam, zappelte sie wie verrückt - eine eindeutige Schmerzreaktion. Sie kämpfte durch die panischen Bewegungen um ihr Leben. Es mag sein, dass Insekten still leiden, weil wir mit ihnen nicht kommunizieren können. Doch diesen Lebewesen wegen unserer fehlenden Fähigkeiten jegliches Empfinden abzusprechen, ist absurd! Neuere Forschungen zeigen, dass Insekten auf Hitze, Kälte oder körperliche Qualen sogar sehr ähnlich wie Menschen reagieren. Sie können sogar chronische Schmerzen, Angst und Glück empfinden. Hier sind ein paar Studien dazu:
Bewusstsein von Insekten: Smithsonian Magazine (2016): Do insects have consciousness and ego?
Depressionen bei Fruchtfliegen: National Library of Medicine (2013): Flies cope with uncontrollable stress by learned helplessness
Erinnerungsvermögen von Insekten: ScienceDirect (2009): Spatial Memories in insects
ScienceDirect (2011): Agitated Honeybees exhibit pessimistic cognitive biases
BBC (29.11.2019): Why insects are more sensitive than they seem
Wenn wir nun wissen, dass Insekten leidensfähig sind, tauchen weitere Fragen auf. Zum Beispiel müssen wir fragen, ob eine artgerechte Haltung überhaupt möglich ist. Ein weiterer großer Punkt, der gegen den Verzehr von Insekten spricht, sind die Tötungsmethoden. Traditionell werden Insekten lebend gekocht, gebraten oder frittiert. In Deutschland gibt es derzeit keine konkreten Regelungen für die Tötung von Speiseinsekten. Österreich schreibt vor, die Tief bei mindestens -18 °C gefrierzutrocknen oder in kochendes Wasser bei mehr als 100 °C zu töten. Wollen wir so mit empfindungsfähigen Kreaturen umgehen?
Gefahr für die lokale Tierwelt & Umwelt
Ein Ausbruch von Insekten aus den Zuchtfarmen ist nicht unwahrscheinlich und könnte eine verheerende Auswirkung auf die lokale Population von Wildinsekten, mit weiteren Folgen für das natürliche Gleichgewicht der Natur haben. Arten könnten verdrängt und Krankheiten verbreitet werden. Ebenso kann die plötzliche Ausbreitung einer Spezies der lokalen Pflanzenwelt arg zusetzen oder im schlimmsten Fall ganze Ernten vernichten. Die Folgen eines Ausbruchs sind nicht abschätzbar.
Fehlende Hygieneregeln
Obwohl die Haltung von Insekten einfacher scheint, leben bei der Massenproduktion die Tiere in ihren eigenen Exkrementen. Sie koten nun mal da, wo sie leben. Die Reinigung solcher Zuchtboxen dürfte bei der erforderlichen Masse an Tieren sehr schwierig sein.
In Deutschland gibt es derzeit keine spezifischen Hygieneregeln für Insektenfarmen. In Österreich müssen gezüchtete Insekten nach der Tötung einer Hitzebehandlung oder Behandlung mit anderen Methoden wie Hochdruckbehandlung unterzogen werden, damit sie möglichst keimfrei weiter verarbeitet werden.
Sofern Insekten aus anderen Ländern importiert werden, besteht nahezu keine Möglichkeit, Hygienemaßnahmen zu kontrollieren. Und selbst hierzulande drückt das Veterinäramt seit Jahrzehnten beide Augen fest zu, wenn es um die Haltung von Tieren gehen. Wir dürfen davon ausgehen, dass sowohl im In- als auch im Ausland entsprechenden Kontrollen nicht ausreichend vertraut werden kann.
"Chemiepampe"
Einige Insekten produzieren natürliche Substanzen, die eine antibiotische Wirkung haben. Daher klingt die Aussage, der Einsatz von Antibiotika, Hormonen und Chemikalien sei in der Insektenzucht bisher nicht erforderlich, erst mal glaubwürdig. Ob dies bei dem hohen Keimdruck auf engsten Raum einer Massenproduktion auch so bleibt, ist fragwürdig. Der Einsatz von Fungiziden (pilztötende Mittel) dürfte sehr wahrscheinlich sein oder werden.
Übertragung Krankheiten
Die Übertragung von Krankheiten von Insekten auf den Menschen wird in den aktuellen Debatten verharmlost. Insekten sind Überträger von Bakterien, Einzellern und Pilzen. Gerade im Sommer können Pilze bei mangelnder Hygiene in Insektenzuchten vermehrt auftreten. Sie tragen dann Pilzfäden und Sporen an ihrem Chitinpanzer oder auch im Darm. Aus der Terraristik wissen wir, dass diese Pilze stark lebertoxisch auf Reptilien wirken. Wie sie sich auf den Menschen auswirken, wurde bislang nicht geprüft.
Auch die Übertragung von Oozyten, welche eine Kryptosporidiose (Darminfektion) auslösen, ist denkbar.
Aus der Geflügelhaltung ist bekannt, dass die verniedlichend als "Buffalowurm" bezeichnete Larve des Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfers Salmonellen auch auf den Menschen überträgt. Außerdem produzieren die Larven Abwehrstoffe, die bei Arbeitern in Geflügelbetrieben unter anderem Asthma und Dermatitis auslösen. Hier muss nicht nur die Sicherheit potenzieller Konsumenten, sondern auch der Arbeiter auf Insektenfarmen infrage gestellt werden.
Zum jetzigen Zeitpunkt können keine verlässlichen Aussagen getroffen werden, ob der Verzehr von Insekten aus Massenproduktion für den Menschen wirklich sicher ist.
Insektenprodukte sind als Allergen einzustufen
Nicht nur das Chitin im Exoskelett der Insekten, sondern auch Muskelprotein Tropomyosin kann Allergien hervorrufen. Allergenes Tropomyosin wird in Krebstieren, Hausstaubmilben, Schaben und anderen Insekten gefunden. Auch Futtermittel wie Soja oder Weizen, mit denen die Speiseinsekten ernährt werden, können für sensible Menschen problematisch werden. Insekten bzw. Produkte aus ihnen können nicht eindeutig als glutenfrei bezeichnet werden. Wer eine bestehende Allergie auf Schalen-, Krustentiere, Weichtiere oder Hausstaubmilben hat, sollte auf den Verzehr von Speiseinsekten verzichten.
Fazit
Die Massenproduktion von Insekten zu Speisezwecken wirft sehr viele Fragen auf. Die angeblichen gesundheitlichen Vorteile sind nicht gesichert, die Nachteile jedoch ausreichend belegt. Um die Weltbevölkerung zu ernähren, bedarf es keiner weiteren Massentierhaltung, sondern deren konsequente Einstellung sowie einer fairen Verteilung der vorhanden Ressourcen.




Kommentare