Aus der Ayurvedaapotheke: Kumari (Aloe vera)
- 27. Sept. 2023
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Kumari wird in der indischen Mythologie als das junge Mädchen beschrieben, welches sich gerade in der Pubertät befindet. Die Brustbildung und erste Menstruation setzen ein. Schon seit rund 5000 Jahren setzen die ayurvedischen Gelehrten die Aloe vera Pflanze zur Unterstützung des ganz natürlichen, weiblichen Prozesses vom Mädchen zur Frau ein. Daher wird die Aloe vera in Indien auch Kumari genannt.
Die Aloe vera wird unzähligen alten Sanskrit-Texten erwähnt. Rezepturen zur Anwendung von Kumari sind auch außerhalb Indiens zu finden, z.B. auf sumerischen Tontafeln (ca. 1700 v.u.Z.), im Papyrus Ebers (1552 v.u.Z.), in Dioscurides De Materia Medica (78 u.Z.) oder im Codex Aniciae Julianae (512 u.Z.).
In den westlichen Ländern wird die Aloe vera vor allem wegen ihrer hautpflegenden Eigenschaften geschätzt und sowohl kosmetisch als auch therapeutisch verwendet. Durch ihre kühlende, regenerierende, beruhigende und feuchtigkeitsspendender Art, sind folgende Einsatzbereiche möglich:
Sonnenallergie
gereizte Haut
Sonnenbrand
kleinere Verbrennungen (z.B. an der Pfanne beim Kochen)
schlecht heilende Wunden
Insektenstiche
Weiterverarbeitung als Gesichtsmaske
natürlicher Make-up-Entferner
Haarkur (das Gel der Pflanze einfach in den Haaransatz einmassieren, einwirken lassen, ausspülen)
Lippenherpese/Herpes simplex (am besten in Kombination mit Melissenöl und Kurkuma)
Neurodermitis
entzündliche Erkrankungen der Mundschleimhaut (z.B. oraler Lichen planus)
Strahlentherapie-induzierte Mykose
Burning-Mouth-Syndrom
Chronisch-rezidivierenden Mundaphten
Mundtrockenheit
Aloe vera ist reich an Kalium, wichtigen Enzymen, z.B. Bradykinase sowie Polysacchariden und deren Glykonährstoffen, welche relevant für die Zellkommunikation sind. Das frische Gel kann das Wachstum von Micrococcus pyogenes var. Aureus, Streptococcus pyogenes, Salmonella paratyphi, Corynebacterium xerose unterdrücken. Außerdem stimuliert Kumari die Fibroblasten und das Wachstum der Epithelzellen.
Nicht nur die äußere Haut, sondern auch die inneren Schleimhäute (Nase, Mund, Speiseröhre, Magen, Dünndarm und Dickdarm) können mit Aloe vera Präparaten geschützt und gepflegt werden. Gerade die Gesundheit der Schleimhäute, vor allem im Dünndarm, sind von großer Bedeutung für unser Immunsystem. Krebspatienten, deren Haut und Schleimhaut durch die Chemo- oder Strahlentherapie beeinträchtigt ist, können von einer Aloe vera Behandlung profitieren. Zwar heilt sie den Krebs nach aktuellem Wissensstand nicht, jedoch pflegt sie die angegriffene Haut und kann entsprechende Linderung verschaffen.
Die Aloe vera Pflanze nicht nur zur Hautpflege und Behandlung von Hautbeschwerden geeignet. Das bittere, entzündungshemmende Gel enthält rund 200 Wirkstoffe und wirkt oral eingenommen leicht schmerzlindernd, krampflösend und darmstimulierend.

Kumari im Ayurveda
Im Ayurveda wird Kumari zusätzlich zu den zuvor genannten Zwecken noch bei weiteren Beschwerden verwendet:
Tumore im Unterleib*
Vergrößerte Milz*
Vergrößerte Leber*
Fieber
Kleine Pockenblasen*
Verzögerte oder unregelmäßige Menstruation
Verstopfung
Appetitlosigkeit (die Bitterstoffe stimulieren das Verdauungsfeuer Agni, ohne Pitta zu erhöhen)
Hämorrhoiden
Hitzewallungen
Pitta-Störungen (z.B. Akne)
Rakta (Blut) Störungen
Rasayana (Verjüngung)
Blockaden der Shrotas (Körperkanäle)
Prävention von Blockaden im Magen-Darm-Trakt und den Atemwegen und weiblichem Fortpflanzungssystem
*Solche Erkrankungen sollten von einem Arzt und nicht eigentherapeutisch behandelt werden.
Ayurvedische Eigenschaften der Kumari
Getrockneter Saft:
Rasa: scharf
Guna: leicht, trocken, spitz
Vipaka (Wirkung nach der Verdauung): scharf
Virya (thermische Potenz): erwärmend
Frischer Saft (Gel): Rasa: bitter, süß Guna : schwer, ölig, schleimig, befeuchtend Vipaka (Wirkung nach der Verdauung): süß Virya (thermische Potenz): kühlend Dosha: Pitta und Kapha reduzierend Prabhava : abführend
Agni: stärkt Agni
Anwendungsbeispiele
Aloe Vera schmeckt recht bitter, daher mischen die meisten Anwender weitere Substanzen hinzu. Im Ayurveda ist das Wahrnehmen des Geschmacks sehr wichtig, da auch dies eine Reaktion hervorruft. Zudem wird durch Zusätze die Wirkung verändert. In welcher Kombination die Pflanze angewendet wird, hängt also -wie üblich- von der individuellen Situation ab.
Die nachstehenden Dosierungen und Indikationen basieren auf der ayurvedischen Lehre, dienen als Information und sollten nicht zur Selbstmedikamentation herangezogen werden.
Schwache oder verzögerte Menstruation
Einmal täglich 10 ml frisches Aloe vera Gel mit einem halben Teelöffel Kurkuma vermischt auf nüchternen Magen.
Menstruation und Hautprobleme
Der menschliche Körper reinigt sich über eigene Systeme. Dazu gehört auch die Menstruation der Frau. Jeden Monat erneuert der Körper das "Bett", in dem ein kleines, neues Leben heranwachsen könnte. Mit Einsetzen der Pubertät steigt das Pitta-Dosha im Körper der jungen Frau an - die Hormone verändern sich und zirkulieren im Blut. Verzögert sich die erste Blutung oder ist die Menstruation nicht regelmäßig, dann wird der Körper einen anderen Weg suchen, um das Übermaß an Pitta auszugleichen. Sehr oft geschieht dies dann über das Entgiftungsorgan Haut.
Im Ayurveda wird ein direkter Zusammenhang von Blut und Haut hergestellt. Je "unreiner" das Blut, umso unreiner wird auch die Haut. Pickeln oder sogar Akne sind das Ergebnis einer solchen Dysbalance. Die Aloe vera wirkt kontrahierend auf die Gebärmutter und kann somit die Menstruation fördern. Zeitgleich kann sie äußerlich bei Hautleiden eingesetzt werden.
Akne oder Pickel in Verbindung mit der Menstruation:
Einmal täglich 10 ml frisches Aloe vera Gel mit einem halben Teelöffel Kurkuma vermischt auf nüchternen Magen.
Kratzer, Schürfwunden und kleinere Wunden:
10 ml frisches Gel mit einem Teelöffel Kurkuma vermischen und auf die zuvor gereinigte Wunde auftragen.
Verdauungs- und Appetitschwäche und Leberstärkung:
Ein- bis zweimal täglich 10ml frischer Aloe vera Gel zur oralen Einnahme
Tonikum allgemein:
Dreimal täglich 2 Teelöffel reines Gel mit 1 Prise Kurkuma einnehmen.
Nährendes Tonikum:
Zweimal täglich 2 Teelöffel Aloe-Vera-Saft mit einem halben Teelöffel Shatavari-Pulver einnehmen.
Achtung: Allgemein eignet sich der Saft als Kuranwendung, aber nicht aber zur längeren Einnahme.
Risiken und Nebenwirkungen
Seit einigen Jahren wird die Aloe vera sehr aggressiv beworben und so manche Anbieter plädiert sogar dafür, Kumari lebenslang täglich einzunehmen. Wir raten davon dringend ab, denn wie alle wirksamen Heilpflanzen kann auch die Aloe Nebenwirkungen haben und ist nicht für jeden Menschen geeignet. Die äußere Anwendung scheint komplikationslos, jedoch können bei der oralen Einnahme Nebenwirkungen eintreten.
Aloe vera lässt die Gebärmuttermuskulatur kontrahieren, daher dürfen schwangere Frauen die Pflanze während der Schwangerschaft nicht einnehmen, um keine Fehlgeburt zu riskieren.
Menschen mit Darmblutungsneigung und Darmverschluss dürfen Aloe vera nicht einnehmen. Die äußerliche Anwendung ist jedoch möglich.
Aloe vera sollte, wie nahezu alle Pflanzen, nicht täglich über einen langen Zeitraum eingenommen werden. Bei oralem Dauergebrauch kann eine Mineralstoffverarmung (insbesondere Kalium) auftreten.
Außerdem kann die langfristige oder sehr hoch dosierte Einnahme von Aloe vera die Nieren und die Leber schädigen.
Richtig eingesetzt überwiegen die positiven Effekte der Pflanze.
Rasayana
Rasayanas gelten im Ayurveda als Verjüngungsmittel, welche die körperliche und geistige Lebenskraft erhalten und stärken sollen. Ein solches Rasayana trägt den Namen Kumaryasavam. Wie der Name schon vermuten lässt, gehört Kumari zu den Hauptbestandteilen. Im Online-Handel werden viele Produkte unter diesem Namen angeboten, die jedoch oftmals nur aus einem Bruchteil der tatsächlichen Zutaten bestehen. Im Yoga Ratnakara, einer Sammlung ayurverdischer Arzneirezepturen, ist auch das Kumaryasavam zu finden. Es enthält Kumari Rasa (Aloe vera Saft), Guda (Jaggery/unraffinierter Zucker), Makshika (Honig), Pakva Loha (kalziniertes Eisen), Shunti (Ingwerwurzel), Maricha (Pfeffer), Pippali (Langpfeffer), Lavanga (Nelke), Twak (Zimt), Ela (Kardamom), Patra (Indisches Lorbeerblatt), Nagakeshara (Staubblatt des Nagasbaum), Chitraka (Bleiwurz), Pippali moola (Wurzel des Langpfeffers), Vidanga (Falscher Pfeffer), Gajapippali (Java Langpfeffer), Chayva (Kubeben-Pfeffer), Hapusha (Wachholder), Dhanyaka (Koriandersamen), Kramuka (Betelnuss), Katurohini (Katuka), Musta (Knolliges Zyperngras), Haritaki (Chebulische Myrobalane), Vibhitaki (Belerische Myrobalane), Amalaki (Indische Stachelbeere), Rasna (Pluchea) und weitere 19 Pflanzen. Dem frisch extrahierten Aloe vera Saft werden alle weiteren Zutaten in Pulverform hinzugefügt. Anschließend wird die Mischung fermentiert.
Kurz gesagt, die Kumari gilt im Ayurveda als Verjüngungsmittel.
Eigene Pflanzen verwenden
Vielleicht verfügst du schon über eine Aloe vera Pflanze oder beabsichtigst eine zu kaufen. Bevor du nun die Blätter der Pflanze verwendest, stelle sicher, dass es sich um eine Aloe vera barbadensis, also Echte Aloe, handelt. Dies ist deshalb wichtig, denn manche Aloe-Arten sind giftig.
Möchtest du jetzt die Kraft dieser pflegeleichten Pflanze nutze, dann schneide eines der unteren Blätter mit einem scharfen, sauberen Messer ab. Stelle das Blatt mit der Schnittkante nach unten für mindestens 90 Minuten aufrecht hin, z.B. in ein Glas. So kann das Blatt "ausbluten". Konkret bedeutet dies, dass die gelbe Flüssigkeit herausläuft. Diese brauchst du nicht (sie kann Hautreizungen und Übelkeit auslösen).
Nach dem Ausbluten schneide zuerst dies spitzen, gezahnten Seiten ab und dann löse das weißlich-transparente Gel heraus. Die grüne, feste Außenschicht kannst du kompostieren und das begehrte Geld verwendest direkt weiter.
Quellen
Nair GR et al. Clinical effectiveness of Aloe vera in the management of oral mucosal diseases. A systematic review. J Clin Diagn Res 2016; 10(8): ZE01-07 Abstract
Schilcher et al., Leitfaden Phytotherapie,
Photo Guide to selected medicinal plants of Karnataka, K. Ravikumar et al.;
Bhāvaprakā÷a-Pūrvakhaõda, Guóūcyādi Varga;
Apotheker M. Pahlow, Das Grosse Buch Der Heilpflanzen;
Zoller/Nordwig, Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin;
v. Kruedener et al., Arzneipflanzen altbekannt und neu entdeckt;
Dr. Praksh Paranjpe, Indian Medicinal Plants, Forgotten Healers
C. P. Khare, Encyclopedia of Indian Medicinal Plants
The therapeutic properties and applications of Aloe vera: A review, doi.org/10.1016/j.hermed.2018.01.002
The Effect of Aloe Vera Clinical Trials on Prevention and Healing of Skin Wound: A Systematic Review, Iran J Med Sci. 2019 Jan; 44(1): 1–9, PMCID: PMC6330525
ALOE VERA: A SHORT REVIEW, Indian J Dermatol. 2008; 53(4): 163–166, doi: 10.4103/0019-5154.44785
Evaluation of biological properties and clinical effectiveness of Aloe vera: A systematic review, Maharjan H.Radha, Nampoothiri P.Laxmipriya, Journal of Traditional and Complementary Medicine, Volume 5, Issue 1, January 2015, Pages 21-26
Pharmacological Update Properties of Aloe Vera and its Major Active Constituents, Department of Pharmacology, Pharmacognosy and Botany, Faculty of Pharmacy, Universidad Complutense de Madrid (UCM), 28040 Madrid, Spain, Molecules2020, 25(6), 1324; https://doi.org/10.3390/molecules25061324
Aloe Vera Gel Research Review, Oliver Grundmann, BPharm,ms,PHD, Natural Medicine Journal, January 16, 2014
Bhavaprakasa, ayurvedischer Text aus dem 16. Jh.
Yoga Ratnakara
Hinweis
Die ayurvedischen Rezepturen gelten in Deutschland nicht als Medikamente, sondern als Nahrungsergänzungsmittel. Trotzdem müssen auch Pflanzen oder Gewürze mit Bedacht und Vernunft verwendet werden. Bitte nimm nicht einfach irgendwelche ayurvedischen Mittel nach Selbsteinschätzung oder irgendwelcher Werbe-Bildchen auf Instagram und Facebook ein. Die Pflanzen müssen zu deiner Konstitution passen. Beachte auch, dass sie Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben können.
Dieser Beitrag soll Einsicht in ayurvedische Anwendungen verschaffen. In keinem Fall ersetzt er die Diagnose und Behandlung durch einen Arzt.




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