Bewegt gegen Diabetes Typ II
- 5. Dez. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Juli 2023
"Zuckerkrankheit" lautet die umgangssprachliche Bezeichnung für Diabetes mellitus. Die bekanntesten Formen sind der Diabetes Typ I und Typ II sowie der Schwangerschaftsdiabetes. Diabetes ist sowohl eine Hormonstörung als auch eine Stoffwechselstörung. In den Industrieländern zählt Diabetes zu den meistverbreiteten Krankheiten. Diabetes Typ II gilt als Wohlstandskrankheit und betrifft 90 % der acht Millionen Diabetiker in Deutschland.
Über Jahre hinweg entsteht Diabetes Typ II schleichend durch Bewegungsmangel und einer falschen Ernährung. Vor allem eine ständig überhöhte Zufuhr von Zucker ist problematisch. Der Körper kann das dauerhafte Überangebot nicht genügend verarbeiten. Wenn die entsprechenden Körperzellen keinen Zucker mehr aufnehmen können, versucht das Insulin - ein Hormon der Bauchspeicheldrüsen- ihn in die Fettzellen zu drücken. Der Zucker muss raus aus dem Blut, bevor es zu Gefäßschäden kommt.
Um Zucker in die Fettzellen einzuschleusen, ist sehr viel mehr Insulin notwendig. Hier kommt das "Schlüssel-Schloss-Prinzip" zum Tragen: Damit "Insulinschlüssel", die auf die Rezeptoren der Fettzellen passen, gefunden werden, müssen erst mal viele davon ausprobiert werden. Die Bauchspeicheldrüse muss unter diesen Umständen mehr Insulin produzieren und wird stark belastet, bis sie überlastet und die Insulinproduktion erschöpft ist. So entsteht Diabetes mellitus Typ II.

Die Neigung zu Diabetes Typ II ist erblich. Jedoch erkrankt nicht jeder Mensch mit einer solchen Veranlagung auch daran. Gerade ein großes Maß an Fettzellen beschleunigt diese Zuckerverwertungsstörung. Daher sind übergewichtige Menschen besonders gefährdet. Ein ungesunder, bewegungsarmer Lebensstil - oft schon in jungen Jahren - kann zum Ausbruch der "Zuckerkrankheit" führen.
Ein weiteres Problem ist die Insulinresistenz. Zu Anfang produzieren die Betazellen der Bauchspeicheldrüse zwar Insulin, jedoch kann es wegen "Fehlern" an den Zellen nicht richtig wirken. Zucker wird dann nicht in die Zellen geschleust, sondern verbleibt im Blut und die Blutzuckerkonzentration steigt. Daraufhin stellt die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin her, um diese Resistenz zu überwinden. Letztendlich erschöpft sie dadurch und die Produktion lässt nach. Insulinresistente Menschen haben mehr Insulin im Blut als gesunde, trotzdem kann der Körper das Überangebot an Zucker nicht mehr in den Zellen unterbringen. Der ständig erhöhte Insulinspiegel wirkt sich dann an anderer Stelle aus: Der Körper lagert mehr Fett ein. Übergewicht und Diabetes bilden einen Teufelskreis.
Auch die Darmgesundheit spielt im Kontext Diabetes eine Rolle. Im Darm wird das Hormon GLP-1 (glucagon-like peptide-1), welches für eine angemessene Reaktion des Körpers auf zugeführte Kohlenhydrate sorgt und die Insulinausschüttung anregt. Wegen eines Mangels an GLP-1 funktioniert dieser Vorgang funktioniert bei Diabetikern nicht mehr.
Anzeichen eines möglichen Diabetes
Gereiztheit und aggressives Verhalten
Konzentrationsprobleme
Kopfschmerzen
Durst trotz ausreichender Flüssigkeitszufuhr
übermäßig häufiges Urinieren
Müdigkeit, Schwäche, Unwohlsein
Schwindel
Verschlechterung des Sehvermögens
trockene, juckende Haut
Wechseln zwischen Appetitlosigkeit und Fressattacken
Potenzstörungen/Libidoverlust
Muskelkrämpfe
Nervenerkrankungen
schlecht heilende Wunden, besonders an den Füßen
Übelkeit, Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen
Harnwegsinfekte
Bei Frauen: Menstruationsstörungen und verminderte Fruchtbarkeit
Die zuvor genannten Symptome können verschiedene Ursachen haben, daher ist der Weg zum Arzt für konkrete Untersuchungen unerlässlich. Bei Verdacht auf Diabetes wird zunächst der Blutzucker bestimmt. Der normale Nüchternblutzucker darf höchstens 100 mg pro Deziliter betragen. Bei Nüchternblutzucker-Werten bis zu 125 mg pro Deziliter kann Prädiabetes, die Vorstufe von Diabetes Typ II, vorliegen. Noch höhere Werte weisen auf Diabetes mellitus hin. Dein Arzt wird zusätzlich einen oralen Glukosetoleranztest durchführen und das Glyko-Hämoglobin (HbA1c-Wert) bestimmen. Sofern Diabetes diagnostiziert wird, werden auch der Augenhintergrund, Urin, Blutdruck, Nerven und Füße untersucht sowie die Blutfett- und Nierenwerte bestimmt. So kann der Arzt feststellen, ob eventuell schon Schäden aufgetreten sind.

Unterschätze die Folgen der "Zuckerkrankheit" nicht. Neben den zuvor aufgelisteten Symptomen erhöht Diabetes das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche, Netzhautschäden, Erektionsstörungen
sowie Nervenschäden und Durchblutungsstörungen. Letztere treten besonders häufig an Unterschenkeln und Füßen auf. Eine gefürchtete Spätfolge ist der diabetische Fuß mit Geschwüren und nicht mehr heilenden Wunden. Im schlimmsten Fall kommt es zur Amputation der betroffenen Gliedmaßen. Außerdem verkürzt Diabetes die Lebenserwartung drastisch.
Nicht zu früh Insulin
Wer an Diabetes denkt, denkt in der Regel schnell an Insulinspritzen. Diabetiker vom Typ I sind auf diese Hormonspritze angewiesen. Sie können ohne die Gabe von Insulin nicht leben. Bei Diabetes Typ II hingegeben ist Insulin nicht immer eine gute Wahl. Dies gilt ganz besonders für übergewichtige Diabetiker.
Durch das zugeführte Insulin wird der Zucker in die Zellen geschleust und der Blutzuckerspiegel sinkt. Zeitgleich nehmen die meisten Diabetiker dadurch auch zu, denn überschüssiger Zucker wird als Körperfett gespeichert. Zudem kann sich der Körper an das Insulin gewöhnen, sodass höhere Dosen erforderlich werden.
Bevor zu Insulin gegriffen wird, sollten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Die Art der Behandlung richtet sich nach der individuellen Situation des Diabetikers. Sind die Blutwerte am Morgen zu hoch oder schießen sie eher nach dem Essen nach oben? Je nach Ausgangslage kann eine Kombination aus Tabletten und Insulin oder auch nur Tabletten erforderlich sein. Metformin und einige andere Substanzen (wie zum Beispiel Glinide, Glitazone, α-Glucosidase-Hemmer ) sind typische Medikamente zur Behandlung von Diabetes.
Die medikamentöse Behandlung von Prädiabetes und Diabetes ist in jedem Fall gut abzuwägen. Im Idealfall lässt sich Diabetes Typ 2 auch ohne Insulin kontrollieren. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Diabetiker, seinem behandelndem Arzt und Ernährungs- und Sportexperten erforderlich.
Die wichtigsten Faktoren, um eine Prädiabetes oder Diabetes Typ II in den Griff zu kriegen, sind eine konsequente Ernährungsumstellung und ein individuelles Bewegungsprogramm.
Ernährung & Bewegung
In den meisten Fällen liegt schon lange vor der Diagnose Diabetes unbemerkt ein sogenannter Prädiabetes vor. Menschen mit einem Prädiabetes haben bereits erhöhte Blutzuckerwerte und weisen eine Insulinresistenz auf. Bei vielen Prädiabetikern kommt ein erhöhter Blutdruck hinzu. Prädiabetes ist also eine Vorstufe des Diabetes. Bereits aus einem Prädiabetes können sich Schädigungen von Herz, Hirn, Augen, Nerven ergeben. Logischerweise steigt auch das Risiko, Diabetes Typ II zu entwickeln, deutlich an. Neben einer Ernährungsumstellung kann vor allem ein Bewegungsprogramm diesen Zustand meist wieder umkehren.
Bewegung sorgt dafür, dass die Zellen mehr Insulinrezeptoren ausbilden. Dadurch werden sie wieder sensibler gegenüber Insulin. Darüber hinaus verbraucht der Körper mehr Energie durch die Bewegung und die Mitochondrien (Kraftwerke der Zellen) müssen in diesem Zusammenhang größere Mengen Energie produzieren. Dafür wiederum muss reichlich Zucker möglichst schnell in die Zellen geschleust werden. Daher ist es nur logisch, mehr Insulinrezeptoren für diese Aufgabe auszubilden. Außerdem werden mehr Glukosetransporteiweiße (Glut 4) aktiviert, die den Zucker an den Rezeptoren "empfangen" und weiter ins Zellinnere zu den Mitochondrien transportieren. Bist du wirklich viel in Bewegung, dann können die Mitochondrien gar nicht erst auf das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse warten und der Zucker wird direkt in die Zellen geführt. Grob gesagt, wirkt Bewegung (fast) wie Insulin und kann damit die Bauchspeicheldrüse ganz erheblich entlasten.
Um einer Insulinresistenz und einem Diabetes Typ II sinnvoll zu begegnen - oder am besten vorzubeugen - ist jede Art von Bewegung geeignet. Besonders effektiv sind moderates Krafttraining (geringes Gewicht bei vielen Wiederholungen) und Ausdauertraining. Dabei geht es nicht darum, die Maße eines Bodybuilders zu erreichen, sondern gesund Muskeln aufzubauen. Je mehr Muskeln du hast, umso mehr Energie muss der Körper dafür bereitstellen und umso sensibler müssen die Zellen für Insulin sein. Das Tolle an Muskeln ist - sie brauchen sogar im Ruhezustand Energie. Muskeln sind also sowas wie körpereigene Fett- und Zuckerverbrennungsöfen. Dadurch wird es auch leichter abzunehmen oder das Gewicht zu halten. Gerade bei Prädiabetes und Diabetes Typ II ist genau dies besonders wichtig.
Auch die Wirksamkeit der Alltagsbewegung darf berücksichtigt werden. Jede Bewegung verbraucht Energie. Nimm die Treppe statt den Lift, lass das Auto stehen und nimm das Fahrrad, steig eine Bushaltestelle früher aus und lauf den Rest ... So kannst du ohne großen Aufwand mehr Bewegung in deinen Alltag integrieren, um damit Blutzucker- und Insulinspiegel niedrig zu halten und einem Diabetes Typ II vorzubeugen oder gegebenenfalls so weit entgegenzuwirken, dass du mit deutlich weniger (nebenwirkungsreichen) Medikamente auskommst.
Hinweis: Dieser Artikel kann nicht zur Selbstdiagnose herangezogen werden und ist keine Empfehlung für oder gegen eine bestimmte Therapie. Wenn du Anzeichen eines möglichen Diabetes bei dir bemerkst, wende dich für eine konkrete Diagnose an einen Arzt. Setze ärztlich verschriebene Medikamente nicht plötzlich ab - das kann lebensgefährlich sein!




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