Myokine - die körpereigene "Apotheke"

Die vor vielen Erkrankungen schützende Wirkung von Sport und Bewegung ist heutzutage allgemein anerkannt. Traditionelle Gesundheitssysteme wie der Ayurveda und die TCM betrachten die Bewegungsfähigkeit eines Menschen schon seit Jahrhunderten als essentiellen Aspekt der Gesundheit. Was in Fernost schon lange auf energetischer Ebene erklärt wird, verstehen auch moderne Wissenschaftler zunehmend besser und erforschen wie unser Bewegungsapparat seine gesundheitsfördernde Wirkung entfaltet.

Im Jahr 2007 entdeckte eine dänische Professorin von der Universität in Kopenhagen besondere Heilsubstanzen - die Myokine. Untersucht wurde der Einfluss von Sport auf das menschliche Immunsystem. Dazu wurde nach dem Training das Blut der Probanden überprüft. Festgestellt wurde dabei ein Anstieg einer Substanz namens Interleukin 6 (IL-6). Interleukine spielen unter anderem bei der Regulation von Entzündungsreaktionen im Körper eine wichtige Rolle. Besonders interessant war, dass das IL-6 nicht, wie man erwarten würde, von den Immunzellen produziert wird. Die Forscherinnen suchten daher nach dem Ursprung dieser Substanz und stellten fest, dass die Muskelzellen das IL-6 herstellten.


Interleukin 6 gehört zu den ca. 200 bis 600 hormonähnlichen Botenstoffen, die zusammen als Myokine bezeichnet werden. Myokine werden von der Muskulatur des Menschen bei Bewegung und Kontraktion der Skelettmuskulatur vermehrt ausgeschüttet. Der Name leitet sich aus den griechischen Worten „Mys“: für Muskel und „kinema“ für Bewegung ab. Zu den inzwischen gut erforschten Myokinen gehören die Interleukine IL-6, IL-8 und IL-15.



Was können Myokine?

Inzwischen ist deutlich klar, dass Muskeln an viel mehr Funktionen als "stehen, halten und laufen“ beteiligt sind. Zum Beispiel kommunizieren die Muskeln mit anderen Organen, dem Fettgewebe, den Knochen und dem Gehirn, in dem Muskelzellen Myokine in den Blutkreislauf ausschütten. Dieser Prozess findet nur durch körperliche Aktivität statt. Eine einzelne Myokin-Art kann auf mehrere Organe gleichzeitig wirken.


Myokine ....

  • wirken entzündungshemmend und sind somit wichtig, um chronische Krankheiten vorzubeugen.

  • stimulieren die Bildung von Abwehrzellen und sind an der Regulierung der Immunabwehr beteiligt.

  • steigern den Fettstoffwechsel und machen die Zellen empfänglicher für Insulin. Dadurch können die Zellen Zucker besser verwerten, Leber und Bauchspeicheldrüse werden entlastet und sie reduzieren das Risiko von Diabetes und Übergewicht.

  • helfen beim Wachstum von Nervenzellen, Muskeln und der Neubildung von Knochen.

  • verbessern die Stabilität und Dichte der Knochen, wodurch sie vor Osteoporose schützen.

  • regen die Blutgefäße zur Neuausbildung weiterer Gefäße an. Dadurch tritt eine Verbesserung der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung ein und der Blutdruck kann ein gesundes Niveau erreichen.

  • stimulieren den Hippocampus im Hirn und verbessern das Erinnerungs- und Lernvermögen. Vermutlich schützt das Myokin BDNS somit vor Demenz und Depressionen.

Wissenschaftler haben sogar drei Myokine entdeckt, die spezifisch gegen Krebs wirken und auch die Symptome von Chemo- und Strahlentherapie, z.B. Fatigue, Schlafstörungen, Polyneuropathien, Depressionen etc., deutlich reduzieren.


Um Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, Rückenschmerzen, Osteoporose, Demenz und viele weitere weitgehend vorzubeugen, ist es essentiell, körperlich aktiv zu werden bzw. zu bleiben. Sport kann bei vielen Krankheiten sogar so gut Abhilfe schaffen wie ein Medikament.* Selbstredend musst du nicht erst abwarten bis du krank bist. Du kannst deine Gesundheit bereits JETZT durch ausreichend intensive Aktivität stärken.


Bisher ist unbekannt, ob unterschiedliche Sportarten verschiedene Myokine freisetzen. Laut Professorin Pedersen deuten einige Studien darauf hin, dass die Muskeln zumindest einige Myokine speziell bei Kraftübungen produzieren. Vermutlich produzieren die Muskeln beim Ausdauersport andere Botenstoffe als beim Kraft- oder Koordinationstraining. Die deutschen Wissenschaftler Dr. Patrick Wahl, Dr. Dr. Philipp Zimmermann und Wilhelm Bloch haben nachgewiesen, dass insbesondere High Intensive Interval Trainings (HIIT) zur vermehrten Ausschüttung der schützenden Myokine beiträgt. So profitieren laut dieser Forscher sogar Menschen mit Multipler Sklerose von HIIT. In ihren Studien wird deutlich, dass HIIT effektiver wirkt als moderates Ausdauertraining.


"Macht der Mensch Sport, ist es, als ob er sich einfach in der körpereigenen Apotheke bedient. Wenn wir über die Myokine Einfluss auf das Immunsystem kriegen – was wir auch haben und was wir nachweisen können – dann haben wir praktisch Einfluss auf jede Erkrankung.“

(Wilhelm Bloch im Interview mit dem Hessischen Rundfunk)



 

Ganz klar und eindeutig gilt:

Muskeltraining ist keine Domäne schwergewichtiger Bodybuilder, sondern eine der sinnvollsten Investitionen in deine Gesundheit.

Myokine sind deine körpereigene, hocheffektive "Apotheke", die du durch intensive Bewegung aktivieren kannst. Muskeltraining festigt also nicht nur den Körper, verlangsamt Alterungsprozesse und strafft das Gewebe, es macht dich zudem noch richtig gesund. Nur wer sich regelmäßig und intensiv genug bewegt, bringt seine Muskeln dazu, ausreichend Myokine herzustellen. Gesundheit ist (weitgehend) machbar!


Und wann legst du los?



 

***Wichtiger Hinweis***

Bitte setze keine Medikamente und Behandlungen spontan ab; dies kann unter Umständen lebensbedrohliche Folgen haben. Wenn du Medikamente und Behandlungen absetzen, ersetzen oder ändern möchtest, konsultiere bitte immer zuvor eine/n Arzt/Ärztin. Dieser Artikel dient der

allgemeinen Information und kann und will die Diagnose und Behandlung durch einen Arzt nicht ersetzen.


Quellen

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  • Christa Broholm, Matthew J. Laye, Claus Brandt, Radhika Vadalasetty, Henriette Pilegaard, Bente Klarlund Pedersen, Camilla Scheele: LIF is a contraction-induced myokine stimulating human myocyte roliferation. im Journal of Allplied Physiology 2011;111:251-259. doi:10.1152/japplphysiol.01399.2010

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