Was Yoga wirklich lehrt (2/10)
- 21. Jan. 2023
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juli 2023
Satya - Wahrhaftigkeit
"Sage die Wahrheit,
außer du würdest einen anderen dadurch verletzten, dann schweige."
Satya ist das zweite Yama und bedeutet echt, wahr, tugendhaft, Wahrheit, Wahrhaftigkeit.
Im Wesentlichen bilden die Yamas ethische Grundsätze, die die Koexistenz mit anderen Menschen, aber auch die eigenen Werte betreffen. Nach dem ersten Yama, Ahimsa, (Gewaltlosigkeit) folgt Satya.

Auf den ersten Blick bedeutet Satya ehrlich zu sein, also ganz einfach nicht zu lügen. Wahrhaftigkeit findet jedoch nicht nur in Worten, sondern schon in den Gedanken und auch in unseren Taten Ausdruck. So wurde sicher jedem von uns bereits als Kind beigebracht, "Du sollst nicht lügen." und dürfte ein universeller Anspruch der Menschheit sein.
Wer Yoga nicht nur auf der Yogamatte praktiziert, erkennt schnell, dass Satya tiefer betrachtet viel mehr ist, als ein Nicht-Lügen-Gebot. Yoga Sutra, Kapitel 2, Vers 36:
सत्यप्रतिष्थायं क्रियाफलाश्रयत्वम् ॥३६॥
satya-pratiṣthāyaṁ kriyā-phala-āśrayatvam
Ist Wahrhaftigkeit (Satya) beständig, wird jede Aussage die Basis für ein entsprechendes Resultat sein.
On & off the (Yoga-) mat
Die Wahrheit ist nicht immer angenehm. Tatsächlich belügen sich die Menschen täglich und machen sich viel zu oft etwas vor. Da sind die Yoginis, die zwar die "Seitliche Krähe" (Parsva Bakasana) perfekt beherrschen, aber in der Umkleide über die etwas mollige Anfängerin im Kurs lästern. Dann gibt es die unzähligen Selfies der immer lächelnden, hübschen Frau, die jeden Abend weinend und allein einschläft. Der Mann in der letzten Reihe hält seine Meinung stets zurück, weil er nicht so wortgewandt ist und keinen Streit provozieren möchte. Ich könnte an dieser Stelle hunderte Beispiele dafür nennen, wie wir uns belügen; d.h. nicht ehrlich mit uns selbst und anderen sind. Menschen leben in Illusionen, handeln gegen ihre inneren Überzeugungen und verstecken sich hinter Masken. Wenn du Yoga auch "off the mat" in dein Leben integrieren und nicht nur anmutige Asanas lernen möchtest, dann wirst du auf diese Widersprüche stoßen. In einer Zeit, in der wir die schönsten Selfies von aufregenden Momenten für die maximale Anzahl Likes posten, sollten wir wirklich hinterfragen, ob wir uns nicht gewaltig selbst vera****en.
Yoga, Mediation und Achtsamkeit sind wunderbare Möglichkeiten genau daran zu arbeiten. Gelebte Achtsamkeit hilft, angenehme und unangenehme Wahrheiten zu erkennen. Achtsamkeit bedeutet also nicht nur, etwas über sich selbst zu erfahren, sondern auch, kollektive Wahrheiten, die uns als Menschheit betreffen, zu verstehen.
Wenn du Yoga auch außerhalb deiner Yogamatte praktizieren willst, dann fang an Satya zu beherzigen. Sei zu dir selbst und anderen ehrlich! Mit der Zeit wirst du die Angst vor (unangenehmen) Wahrheiten verlieren. Und du wirst gelassener, fröhlicher und mutiger. Yoga im Sinne von Asanas, Pranayama und Meditation unterstützt dich dabei. Mit jeder Yogastunde, mit jedem Asana und mit jedem Atemzug fängst du noch mal von vorn an - Sie erinnerst dich an die Fehler der letzten Yogastunde, aber du hast die Möglichkeit einfach noch mal zu starte. Im Jetzt und Hier.
Yoga führt deinen Fokus in die Gegenwart. Unabhängig vom möglichen Scheitern zuvor und frei vom Streben nach Effizienz kannst du einen ungeschönten, ehrlichen Blick auf das werfen, was genau jetzt ist. Genau das ist Satya. Satya ist die Einsicht in das, was ist: die Wahrheit. Das, was ist. Diese Erkenntnis kannst du von der Yogamatte in jede Situation deines Lebens übertragen. Umso mehr du deine Fähigkeit wertungsfrei zu beobachten schulst, umso leichter wird es dir gelingen, Illusionen nicht mehr zu verfallen.

Aufrichtigkeit
Für mich bedeutet Satya auch, dass wir uns unseren Ängsten stellen, unsere Gefühle würdigen und unseren Mitmenschen offen begegnen.
Begegne Menschen unvoreingenommen.
Zeige dich authentisch, statt nur Erwartungen anderer zu erfüllen.
Drücke offen aus, was dir guttut und was du brauchst.
Nimm Kritik ohne Groll an.
Achte darauf, wie du über andere sprichst.
Akzeptiere andere Überzeugungen - denn es gibt mehr als (d)eine Wahrheit.
"Sage die Wahrheit, außer du würdest einen anderen dadurch verletzten, dann schweige." Mit diesem Satz begann der Artikel über das Yama Satya. Auch hierzulande ist eine ähnliche Weisheit bekannt - "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold". Hier wird das erste Yama, Ahimsa, eingebunden. Ahimsa gebietet niemanden in Gedanken, Worten oder Taten zu verletzen. Doch wie weit darf das Schweigen gehen? Ist es vielleicht doch besser, die unangenehme Wahrheit zu hören oder glücklich mit einer Lüge zu leben? Ist es besser deiner besten Freundin mitzuteilen, dass ihr Mann fremd gegangen ist und deine Freundin sich dann zutiefst verletzt ihm trennt? Oder ist es besser zu schweigen, da deine beste Freundin ohne dieses Wissen glücklich mit diesem Mann weiterlebt? Wird man zum "Mittäter", wenn man verletzende Wahrheiten nicht ausspricht? - Was denkst du?
Wie kannst du Satya kultivieren?
Hinterfrage dein Verhalten:
Wie begegnest du anderen Menschen im Alltag? Sind deine Worte ehrlich gemeint oder versteckst du dich hinter Phrasen?
Wie gehst du mit deinem Partner um? Hältst du deine Bedürfnisse aus Angst vor Ablehnung zurück oder sprichst du offen darüber?
Im Alltag hinterfragen wir sehr selten Gewohnheiten, Sichtweisen, Überzeugungen und Meinungen. Auch hier spielt Satya eine Rolle. Welche Motivation steckt hinter deinen Taten? Handelst du nach deinen Werten?
Nimmst du deine Gefühle wahr und formulierst sie ganz offen? Wenn du müde, traurig, wütend, einsam, überfordert oder total glücklich bist - sag es!
Öffne dich für deine Bedürfnisse. Sei neugierig und offen für alles, was sich zeigen möchte.
Stehe zu deinen Schwächen! Eine kleine Übung für dich: Nimmer dir einen Moment, um über deine Schwächen nachzudenken und erzähle einem Menschen davon. Sei offen für die Reaktion deines Gegenübers.
Schreibe eine Wahrheit über dich selbst auf, die du ändern möchtest. Schaue genau hin und nimm dir ausreichend Zeit zur Selbstreflexion.
Trauen dich, deine Meinung zu sagen! Nein, es geht nicht um unhöfliches Gebrülle oder einen Streit - Meinungsäußerungen können (und sollten) respektvoll stattfinden. Sei dabei ehrlich.
Sage nicht "Ja" zu anderen, wenn du innerlich zu dir selbst dadurch "Nein" sagst.
Verabschiede dich von einem utopischen Ziel oder Vorsatz und setze dir 2 oder 3 kleine, realistische Ziele. Sei klar in der Formulierung.
Social Media: In den sozialen Netzwerken stellen sich fast alle Menschen als schöner und klüger, abenteuerlicher und außergewöhnlich dar. Höre einfach auf damit. Letztendlich fühlen sich die meisten Menschen klein und mies beim Betrachten gestellter Selfies, Fake-Happiness und vorgegaukelter Perfektion. Hab Mut und poste heute ein "unperfektes" Bild von dir (gern auf Facebook-Seite von Bewusst.Gesund.Leben.) mit dem Hashtag #Satya.
Abschließen möchte ich an dieser Stelle mit einem Mantra:
Soham - Ich bin.




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