Was Yoga wirklich lehrt (Teil 1/10)
- 21. Jan. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juli 2023
Ahimsa - Gewaltlosigkeit
“Sei gewaltlos, zerstöre oder verletze nichts und niemanden,
nicht mit Gedanken, Worten oder Taten.“
Ahimsa, das erste der fünf Yamas und erste von insgesamt zehn grundlegenden yogischen Lebensempfehlungen, beschreibt eine bedeutende Verhaltensregel im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus. Auch in allen anderen Glaubenssystemen wird uns eine friedliche Lebensweise nahegelegt. Jedoch muss niemand überhaupt einer Religion angehören, um das universelle Verständnis für Frieden und Liebe zu begreifen und zu verinnerlichen.
Das Sanskritwort Ahimsa untersagt das Töten, und beschreibt das Nicht-Verletzen aller Kreaturen bzw. beschränkt dies auf ein nicht vermeidbares Maß.
Ahimsa & Yoga
Viele Yogis und Yoginis in den westlichen Ländern sind zwar mit den Asanas (Körperhaltungen), Pranayama (Atemübungen) und immer häufiger auch mit Mediation vertraut. Wer im Yoga jedoch mehr als Entspannung und Körperübungen sucht, wird früher oder später den yogischen "Lebensregeln", den Yamas und Niyamas, begegnen. Ahimsa ist das erste Yama und auch das Bedeutendste. Alle weiteren Weisungen können nur greifen, wenn Ahimsa verstanden und gelebt wird.
Wie gehst du mit deinem Körper um? Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um darüber nachzudenken.
Wie oft tust du dir weh, z.B. wenn du dich in ein Asana hineinpressen? Wie oft überlastest du dich? Wie sprichst du über dich selbst? Zwingst du dich, deine Mahlzeit komplett zu essen, obwohl du schon satt bist? Solche Aggressivität ist Gewalt am eigenen Körper und Geist! Ahimsa in deiner Yogapraxis schließt Achtung vor dem eigenen Körper und Geist ein. Sei gewaltlos mit dir selbst.

Die Idee des Nicht-Verletzens
Ahimsa steht für ein friedliches, respektvolles Handeln, Sprechen und Denken. Doch warum scheint dies für uns Menschen oft schwer umsetzbar zu sein? Weltweit werden grausame Kriege geführt, wir streiten mit unseren Liebsten und schmieden Rachepläne, wenn uns jemand emotional verletzt hat. Wir erlauben unserem Ego über andere zu urteilen und sprechen schlecht über andere. Es wird über die übergewichtige Kollegin gelästert und kontroverse Meinungen reichen oft schon aus, um jemanden abzustempeln. Frieden mit uns selbst und anderen schließen wir auf diese Weise sicher nicht. Doch es geht auch anders!
Selbst wenn wir es in unserem menschlichen Sein nicht zur gewaltlosen Perfektion bringen, können wir Liebe manifestieren und viel friedvoller handeln. Wir können mit Güte und Verständnis, statt mit Verurteilung und Zorn reagieren. Statt dem Gegenüber in einem Streit Pest und Cholera an den Hals zu wünschen, können wir der Person wohlwollend Frieden wünschen. Natürlich ist es nicht immer leicht auf diese Weise zu handeln und zu denken, vor allem wenn man von einem anderen Menschen verletzt wurden und völlig aufgebracht ist. Doch genau hier setzt Ahimsa an. Statt die Gewaltspirale fortzusetzen, kannst du mit einer gütigen inneren Haltung eine Friedenskultur etablieren. Wenn uns dies zunehmend auf "kleiner Ebene", also bei uns selbst, gelingt, kann Ahimsa auch auf "großer Ebene" wirken. Wer Ahimsa zur inneren Haltung erhebt, entwickelt (mehr) Mitgefühl und Liebe für alle Wesen. Plötzlich wird deutlich, dass Zorn und Rachegedanken dich emotional sowie mental verhärten. Daher: Sprich Gutes und tue Gutes! Ahimsa ist nicht nur der Weg des Friedens, sondern auch ein großes Stück Freiheit. Mach dich frei von schädlichen, gewalttätigen Gedanken und Taten!
Ahimsa & Veganismus
Swami Sivananda, ein bedeutender Yoga-Meister, und viele andere Menschen sind sich einig, dass Tiere nicht die Beute der Menschen sind. Sicher gab es einst einen evolutionären Vorteil, als unsere Vorfahren Aas verzehrten und die Jagd entdeckten. Doch bei der Fülle an pflanzlichen Nahrungsmitteln, die uns heute ganzjährig zur Verfügung stehen, besteht schlicht kein Bedarf, Tiere in brutaler Massentierhaltung auszubeuten und zu töten.

Zwar gibt es immer noch Menschen, die eine andere Meinung vertreten, doch wer genauer hinsieht und sich mit den Folgen der konventionellen Nutztierhaltung befasst, wird schnell erkennen, wie schädlich diese Art des Fleischkonsums für Mensch, Tier und den Planeten Erde ist. Hinzukommt der Akt des Tötens. Ein Leben zu nehmen ist immer Gewalt.
Eine vegetarische/vegane Ernährung entspricht Ahimsa. Doch Achtung liebe Vegetarier und Veganer, auch wer über "Omnis" (Alles-Esser) herzieht und diese beschimpft, ist trotz Fleischverzicht weit von Ahimsa entfernt!
Ahimsa & Mutter Erde
Uns allen ist ausreichend bekannt, dass der moderne Lebenswandel der Menschheit unserem einzigartigen Planeten enorm schadet. All die vielen gewaltvollen Taten gegenüber Mutter Erde zu benennen würde hier zu viel Raum einnehmen, daher frage ich ganz direkt: Schiebst du diese Verantwortung immer noch auf Politiker, Industrie, Landwirte und andere ab oder handelst du schon? Hast du unseren Planeten schon als lebendigen Organismus begriffen oder unterstützt du die Ausbeutung der Erde immer noch? Ahimsa schließt alles Lebendige ein - zweifellos auch Mutter Erde. Ein jeder von uns kann die Verletzungen am Planeten durch das eigene Handeln deutlich reduzieren. Zum Beispiel, in dem wir auf Plastik verzichten und so weit wie möglich Müll vermeiden. Wir können essenzielle Ressourcen wie sauberes Wasser, saubere Luft und fruchtbaren Boden schonen, in dem wir das eigene Konsumverhalten verändern. Zum Beispiel kannst du Produkte ohne Palmöl, aus fairem Anbau, ohne tierische Bestandteile, ohne Chemikalien kaufen und auf Produkte aus Massenerzeugungen verzichten. Du kannst bei kleinen, lokalen Betrieben einkaufen, statt riesige Konzerne zu unterstützen. Auch das Reise- und Mobilitätsverhalten kann friedlicher gestaltet werden. Weißt du, wie schädlich eine Kreuzfahrt ist? Der deutsche Naturschutzbund schreibt, dass ein Kreuzfahrtschiff, unabhängig davon, ob es mit Öl oder Flüssiggas betrieben wird, pro Tag durchschnittlich so viel CO₂ ausstößt wie fast 84.000 Autos! Und warum sitzen jeden Morgen zig Millionen einzelne Menschen im Auto (also eine einzige Person pro PKW) statt Fahrgemeinschaften zu bilden, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen oder kurze Strecken mit dem Rad zu fahren? Das sind nur wenige erste Ansätze - jeder von uns kann viel mehr tun.
Ahimsa & Selbstverteidigung
Swami Sivananda, der Dalai Lama und andere spirituelle Führer lehrten die absolute Gewaltlosigkeit. Sie forderten von ihren Anhängern, sich im Falle eines Angriffes nicht zu verteidigen, sondern auf den "göttlichen" Schutz zu verlassen. Statt Verteidigung und Rache werden Ruhe, Abwarten und Innenschau empfohlen. In der Bibel steht, dass Jesus um Vergebung für jene bat, die ihn brutal folterten, ans Kreuz nagelten und töteten. Auch in Indien ist ein ähnlicher Mythos bekannt: Jayadeva beweist Güte und absolute Liebe für seine Feinde, die ihm die Hände abschlugen. Trotz dieser unsagbaren Qual betete er für die Befreiung selbiger Menschen.
"Wer fest verankert ist in Ahimsa, der trifft auf keine Feindschaft." (Pantanjali)
Die andere Seite: Absolutes Ahimsa ist unmöglich. Beim Laufen zertreten wir ungewollt Insekten und unser Körper tötet jeden Tag Bakterien (die auch eine Form von "Bios", also Leben, sind), um selbst zu (über)leben. Außerdem gibt es genug Gelehrte, die überzeugt sind, dass sowohl Selbstverteidigung als auch das Töten eines Angreifers nicht Himsa (Gewalt) sind, wenn dadurch andere Leben geschützt werden. Um zu entscheiden, ob eine Handlung Ahimsa entspricht, sollten wir stets die Intention dahinter beachten.
Wie kannst du Ahimsa in deinem Leben mehr Raum geben?
1) Beherrsche deinen Körper.
Körper- und Geistesübungen, z.B. Yoga und Meditation, zeigen Wege auf, um respektvoller mit dir selbst umzugehen (auch das ist Ahimsa) und dieses Verständnis auch nach außen zu tragen.
Es versteht sich von selbst, dass Gewalt gegen andere Lebewesen vermeidbar ist. Gehörst du zu den zornigen Menschen, denen "mal die Hand ausrutscht"? Hör auf damit! Kanalisiere deine Aggressionen (z.B. durch Sport, Yoga etc.) und lerne zu entspannen. Achtsamkeitsübungen sind ebenfalls sehr sinnvoll. Fördere deine Belastbarkeit, dein Stressmanagement sowie deine innere Haltung, um gelassener zu reagieren und im Sinne von Ahimsa zu handeln.
2) Beherrsche deine Worte.
Nimm dir fest vor, nie wieder ein unfreundliches Wort zu sagen. Klingt schwierig? Ja, das ist es! Du wirst hunderte Male versagen, aber wenn der 1000. Versuch erfolgreich ist, bist du schon näher an Ahimsa dran. Denke, bevor du sprichst. Beleidige niemanden. Sprich respektvoll und ermutigend. Sprich die Wahrheit. Mache (ehrliche) Komplimente – auch dir selbst und den Menschen, die dir nicht wohlgesonnen sind.
3) Beherrsche deine Gedanken.
Denke nicht daran, anderen weh zu tun. Beobachte, schweige und übe dich in Vergebung. Befreie dich von Gedanken an Hass und Rache.
In einem Streit erinnere dich daran, dass dein Gegenüber ebenso verletzlich ist wie du. Wünsche ihm in Gedanken Liebe und Frieden. Ersetze Zorn mit lichtvollen Gedanken. Wenn dir das nächste Mal jemand den letzten Parkplatz vor der Nase wegschnappt, freue dich für ihn. Wenn dich jemand anschreit, erkenne seine Hilflosigkeit und wünschen ihm Klarheit. Halte dir vor Augen, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat und es Gründe für das unschöne Verhalten gibt.
Fazit
Ahimsa bedeutet nicht, sich alles gefallen zulassen oder sich kleinzumachen. Auch dein Leben ist wertvoll und niemand hat das Recht dich zu verletzen.
Viel mehr bedeutet Ahimsa sich selbst von Gewalt in Worten, Gedanken und Taten zu befreien, um aufeinander Rücksicht zu nehmen und uns in aufrichtiger Güte zu begegnen.
Wir leben in einer Zeit voller Schreckensnachrichten – umso wichtiger ist es, Herzlichkeit und Gewaltlosigkeit zu etablieren. Jeder von uns, auch du, kann jederzeit damit beginnen!
Wenn du heute aus dem Haus gehst, begegne den Menschen mit einem Lächeln.
Om Shanti!




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